Was macht die Kunst? Junge Frau als Heilige Maria Magdalena von Cosimo
Stand: 30. März 2025.
Was macht die Kunst? Junge Frau als Heilige Maria Magdalena von Cosimo
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Das Bild zeigt eine Leserin. Sie sitzt an einem offenen Fenster, stützt ihr Buch auf dessen Rahmen und versinkt tief in ihre Lektüre. Die langen blonden Locken sind offen, was sich eine reale Italienerin in der Öffentlichkeit damals kaum geleistet hätte. Sie ist nicht häuslich angezogen, sondern trägt ein modisches Ausgehkleid in den Signalfarben gelb, rot, blau und grün, zudem hat sie eine Kette mit Perlen ins Haar gesteckt. Sie scheint also durchaus damit zu rechnen, angeschaut zu werden, obwohl sie einer ganz kontemplativen, privaten Tätigkeit nachgeht: dem Lesen.
Der Buchdruck war noch jung, verbreitete sich aber schnell. Die Kulturtechnik des Lesens gehörte bei bessergestellten Frauen dazu, sie lasen die Bibel, aber auch Lyrik etwa von Francesco Petrarca. Man strebte nach Kontemplation. Das hat religiöse Wurzeln. In der Malerei sehen wir immer wieder zwei lesende Frauen: Maria, als der Engel ihr verkündet, sie könne Gottes Sohn gebären. Und Maria Magdalena auch beim Bibellesen. Sie ist das Vorbild dieses Bildes. Bei genauerem Hinsehen hat die junge Frau einen Heiligenschein über ihrem Kopf, nur ein Schimmer von einem leuchtenden Ring. Und sie hat das Salbgefäß auf der Fensterbank abgestellt, mit dem Magdalena Jesus die Füße wusch. Aber die Frau ist deshalb trotzdem keine Heilige. Wahrscheinlich saß eine ganz reale Frau Modell und nahm die Pose einer Magdalena ein.
Die junge Frau ist erwachsen und weiß, was sie will. Sie nimmt sich ihren Raum und beschäftigt sich gleichzeitig nicht nur mit sich selbst, sondern will etwas erfahren. Gerade werden junge Frauen eher belächelt, wenn sie Young Adult-Literatur lesen und auf Tiktok bewerben. Es sind aber diese jungen Frauen, die überhaupt noch die Konzentration zum Lesen aufbringen und zeigen, wie genussvoll es sein kann, sich auf längere Texte einzulassen.